Handgefertigter Lederzylinder (Steampunk)

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Handgefertigter Lederzylinder (Steampunk).

Mit dem Lederzylinder (engl. Tophat) komme ich heute endlich einmal wieder dazu, ein Projekt in Richtung Steampunk zu zeigen. Vor einer Weile habe ich einige kleinere Studien in Richtung Mini-Zylinder gemacht, um mehr über den optimalen Schnitt, die Krempe und die Passgenauigkeit der Krone zu erfahren. Viele Tutorials im Internet liefern mir jedoch nicht den Schnitt, den ich für mein Design haben möchte. Ich mag diese „Abraham Lincoln“ Hüte nicht sonderlich: Hohe Krone und gerade Krempe. Lieber habe ich es, wenn auch die Krempe an den Seiten einen leichten „Schwung“ hat. Aber das ist natürlich Geschmackssache. 😉

Nun aber zum Handwerk. Ich möchte einmal grob zeigen, wie so ein Lederzylinder bei mir entsteht.

Schritt 1 – Muster anfertigen

Ich habe mich für das Muster mit „Schwung“ entschieden (das einfache Schnittmuster findet ihr als PDF im Blogbeitrag mit den Minizylindern), bei dem die Krempe eben jenen leichten Schwung an den Seiten aufweist, der dem Zylinder seine typische Form gibt. Wer erst einmal einen kleinen Überblick braucht: Auf der Seite The Fizzle & Crank Emporium findet sich eine tolle Grafik mit den Grundtypen der Tophats.

Daher habe ich zunächst einmal meinen Kopfumfang vermessen und dann verschiedene Papiermodelle angefertigt. Natürlich ging auch das zunächst einmal schief… am besten ist es, wenn zusätzlich zum Umfang des Kopfes noch einiges an Sicherheitslänge hinzukommt. Die kann hinterher immer noch weggeschnitten werden.

Viel wichtiger ist jedoch das Modell für die Krempe. Hierzu habe ich aus fester Pappe eine Form ausgeschnitten und diese so lange modifiziert, bis sie bequem auf meinen Kopf passt. Anschließend habe ich mit der (Papier-) Krone so lange herumprobiert, bis ich die zuvor ausgemessene Länge bequem am Modell der Krempe anbringen konnte. Von allen Teilen habe ich dann ein finales Pappmodell angefertigt.

Mit dem Hutdeckel (dem oberen Abschluss des Hutes) habe ich folgende Erfahrung gemacht: Das Stück aus der Mitte des Krempenmodells ist ungeeignet, da es letztendlich ein paar Zentimeter zu klein ist. Der Hutdeckel muss etwas größer, sonst spitzt sich der Hut oben zu und das sieht optisch nicht gut aus. Daher muss der Hutdeckel ein eigenes Modell bekommen. Für Dekohüte kann vermutlich dennoch das ausgeschnittene Stück aus der Mitte der Krempe als Deckel verwendet werden. Da fällt es nicht so auf.

Schritt 2 – Leder zuschneiden

Das Modell habe ich auf 1.8 mm Rindsleder übertragen und ausgeschnitten. Dabei wird der ziemlich große Teil aus der Mitte der Hutkrempe nicht genutzt. Das ist sehr ärgerlich, denn Leder ist teuer. Der Hutdeckel muss – wie im Modell – extra angefertigt werden. Das macht die Sache nicht günstiger…

An diesem Arbeitsschritt wird auch deutlich, wie schwierig es ist, runde oder ovale Stücke aus Leder auszuschneiden, wenn kein geeignetes Werkzeug vorhanden ist. Zum Glück habe ich meinen tollen Halbmond, mit dem sich das Ausschneiden runder Teile als Kinderspiel erweist. Alternativ könnte man sich mit einem geraden Messer/Cuttermesser mit immer kleineren Schnitten der runden Form annähern. Für Kanten oder kleine Rundungen mag das gehen aber für größere Stücke kann ich das nicht empfehlen.

Die Krone selbst besteht im Grunde aus einem langgezogenen, rechteckigen Stück Leder, das auf einer Seite den gewünschten „Schwung“ an den Seiten aufweist. Da ich nur eine leichte Krümmung haben wollte, habe ich hier auch nur wenig Leder weggenommen.

Schritt 3 – Kanten finishen

Alle Kanten wurden mit einem Edge Beveler getrimmt und anschließend mit Wasser/Gum Tragacanth und einem Edge Slicker gefinished. So stehen keine Fasern ab und auch ein eventuelles Edge Kote zur Kantenversiegelung lässt sich so besser auftragen. Auf ein Kote habe ich bei diesem Projekt zu Gunsten des Farbgradienten verzichtet. Der Kontrast des Leders zum Kote wäre mir hier zu stark geworden.

Schritt 4 – Färben

Da der Zylinder stilistisch in Richtung Steampunk gehen soll, habe ich mich für Brauntöne entschieden und diese mit der Airbrush in verschiedenen Stufen, nach innen hin, aufgehellt. Die Ränder habe ich dunkelbraun mit einem Hauch schwarz abgedunkelt. So entsteht ein schöner Farbgradient. Um den Antik-Effekt zu bekommen, habe ich ein Gel-Antique (Saddle Tan) verwendet. Es setzt sich in der natürlichen Maserung des Leders fest und lässt es dadurch älter erscheinen. Im hinteren Teil der Krone ist noch eine sehr große Narbe vorhanden, die sich mit dem Finish toll herausarbeiten lässt und so dem Hut ein wenig mehr Charakter gibt. Ein tolles Beispiel, wie sich „Fehler“ im Leder stilvoll nutzen lassen.

Nach dem Finish habe ich alle Teile noch mit einer guten Portion Carnauba Creme eingerieben. Das löst einige überschüssige Farbpartikel, fettet das Leder und versiegelt es leicht.

Schritt 5 – Samtstoff aufkleben

Alle sichtbaren Lederinnenflächen werden mit Klebstoff versehen und anschließend mit blauem Samtstoff beklebt. Da der Stoff sehr dünn ist und sehr sensibel auf Lösungsmittel reagiert, muss er sehr vorsichtig aufgeklebt werden. Der Stoff hat auch die Angewohnheit, jedes Staubkorn aufzunehmen, so dass sich das Abreiben mit einer Fusselrolle sehr lohnt, bevor alles zusammengefügt wird.

Schritt 6 – Vernähen

Am besten ist es, mit dem Hutdeckel zu beginnen. Hier habe ich die Krone ganz einfach um den Deckel herumgenäht und hinten ungekürzt überstehen lassen. Nun kommt der schwierige Teil…

Mein Hauptanliegen war es, dass ich die Krempe des Lederzylinders zerschneiden muss und die Krone später trotzdem exakt auf die Öffnung in der Krempe passt, bzw. kein allzu großer Rand im Inneren entsteht. Dazu habe ich das lange Lederstück der Krone vorne linksseitig bis zur Hälfte an der Krempe vernäht und dann rechts die andere Seite. Nun zahlt es sich aus, dass die Krone etwas länger gewählt wurde, denn es kann abwechselnd und gleichmäßig  bis zum Abschluss hinten gearbeitet werden. Am Ende wird das überstehende Stück der Krone einfach hinten abgeschnitten und vernäht. Für die hintere Kronennaht darf keine klassische Sattlernaht verwendet werden. Diese würde das Leder zusammenziehen und ausbeulen. Stattdessen verwende ich eine Naht, die außen gerade ist. Eine leichte Krümmung konnte aber auch so nicht vermieden werden. Sie ist aber noch erträglich.

Schritt 7 – Saum

Da mir der rohe Übergang an der Kante der Krempe nicht gut gefallen hat, habe ich ihn mit einem Lederstück (Lammnappa) abgenäht. Dazu habe ich zwei ca. 4 cm breite Lederstreifen ausgeschnitten und diese per Hand angenäht. Warum zwei Streifen? Weil mein Lederstück nicht lang genug war. Beide Stücke mussten also an passender Stelle überlappend miteinander vernäht werden.

Dieser Schritt ist extrem anstrengend und langwierig, da quasi im Blindflug von „außen“ mit der Ahle das Loch durch beide Saumlederhälften gestochen und in der Mitte das vorgestochene Loch im Krempenleder getroffen werden muss. Das muss jedes Mal gleichmäßig sein (was mir nicht immer gelungen ist) und wird schließlich mit dem Sattlerstich vernäht. Da wünscht man sich irgendwann schon eine Ledernähmaschine…

Schritt 8 – Freuen

Letzte Verschönerungen, z.B. den fertigen Lederzylinder nochmals einfetten, Nähte korrigieren und die Krempe mit Wasser nassformen – fertig ist das gute Stück. Voilà: Er passt perfekt!

Fazit

Lederzylinder fertigen ist keine einfache Sache. Nicht nur die Größen zu treffen, sondern auch alles korrekt miteinander zu vernähen, stellt eine echte Herausforderung dar. Da alles aus hochwertigem Leder ist, eine Menge Zeit für die Herstellung benötigt wird und man nie weiß, ob es am Ende tatsächlich passt, würde das gute Stück in der Herstellung am Ende sehr teuer werden. Mit Übung werden auch diese Arbeiten besser, aber nun verstehe ich zumindest, warum Zylinder so kostspielig sind.

Ich habe mich entschieden, den Lederzylinder nicht weiter aufzumotzen und im „Rohzustand“ zu belassen. Dadurch fehlen zwar ein paar steampunkige Sachen wie Zahnräder oder Messingteile aber der Rohling ist fertig, passt wie angegossen und kann zur Not immer noch modifiziert werden! Yay! Nun muss er nur noch den Praxistest überstehen… 😉

Alles Gute und bis bald!
Steven

 

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