Ledertasche mit dem Motiv der Tauroktonie des Mithras.

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Ledertasche mit dem Motiv der Tauroktonie des Mithras.

Heute möchte ich ein für mich tolles und umfangreiches Projekt vorstellen: eine Tasche aus Leder mit dem Motiv der Tauroktonie des Mithras. Ich habe mir mit dieser großformatigen Tasche einen kleinen Traum erfüllt. Zum einen freue ich mich, dass es mir gelungen ist, ein so arbeitsintensives und großes Stück fertig zu stellen und zum anderen war es thematisch überaus interessant, mich in den Mithraskult einzuarbeiten.

Worum geht es? Das Motiv auf der Tasche zeigt die „Tauroktonie des Mithras“ – also die rituelle Opferung eines Stieres durch den Gott Mithras. Ich werde zu dieser Thematik weiter unten noch etwas ausführlicher berichten. Das Ganze ist sehr umfangreich und ich beschränke mich daher hier nur auf das Wesentliche. Zunächst aber…

Handwerkliches

Es begann mit der Idee, dass ich eine Tasche haben wollte, in die gut und bequem Bücher mit A4 Format passen. Eine Art Ranzen zu bauen, war also naheliegend. Das Motiv ist aus Zufall hinzugekommen. Nachdem ich ein wenig recherchiert habe, bin ich auf Mithras gekommen und habe mich gefragt, ob ich es schaffe, dieses doch recht komplizierte Motiv auf Leder zu punzieren. Und von da an, habe ich mich auch ein wenig in das Thema eingearbeitet, wie man an der Länge dieses Posts erkennen kann. 🙂

Die Maße der Tasche betragen 33 cm x 25 cm x 10 cm. Es wird also eine Menge Leder für die Fertigstellung benötigt. Verwendet habe ich ca. 2.4 mm vegetabil gegerbtes Rindsleder, das ich in allen Teilen selbst gefärbt habe. Aber nicht nur die Materialkosten machen dieses Stück wertvoll, auch die investierten Stunden waren immens. Ich habe nicht genau nachgezählt aber ich habe – mit Unterbrechungen – insgesamt eine Woche lang daran gearbeitet. Wenn man manches zum ersten Malm probiert, kann es schon mal etwas länger dauern…

Bei der Farbe habe ich mich für ein starkes Grün entschieden. Es erinnert ein wenig an einen Jadefarbton. Um einen starken Kontrast zu bekommen, habe ich Laschen, Griffe, Garn und Ösen in Rot und zu einem kleinen Teil schwarz abgesetzt. Auch die Messingschließen und Ringe passen ganz gut dazu.

Ganz besonders gefällt mir der obere Teil – speziell der Tragegriff. Die Form des Griffes habe ich bereits bei einem anderen Taschenprojekt (s. Arzttasche) ausprobiert und hier sehr sorgfältig darauf geachtet, sauber zu arbeiten. Auch die Befestigung des Griffes an der Tasche selbst soll ausreichend Stabilität aufweisen und sich harmonisch ins Gesamtbild einfügen..

Den Taschendeckel habe ich separat gefertigt. Sie ist nicht Bestandteil des Taschenkörpers, sondern auf der Rückseite angenäht und an den Seiten mit einer „amerikanischen“-Naht vernäht. Diese Naht habe ich zuvor noch nicht ausprobiert. Sie kommt insbesondere beim Baseball zum Einsatz und eignet sich hervorragend für das Vernähen von Übergängen oder scharfen Kanten.

Bei den Riemenbefestigungen an den Seiten habe ich mir ein einheitliches Design überlegt, das sich sehr gut einfügt. Zusätzlich zur Niete habe ich die Befestigungen noch mit schwarzem Garn angenäht. Das dürfte für ausreichend Stabilität beim Tragen sorgen.

Die größte Schwierigkeit des Projektes bestand im Vernähen des Taschenkörpers. Während die Vorder- und Rückseite aus geraden Lederflächen bestehen, haben die beiden Seitenteile nach Innen abgeknickte Ränder. An diesen werden Vorder- und Rückseite vernäht. Je weiter „unten“ in der Tasche nun etwas vernäht werden musste, umso schwieriger war es, die Nadel zu führen. Im Grunde war es nötig, im Blindflug das Nahtloch im Inneren der Tasche finden und dabei noch durch die Innenmaße der Tasche behindert zu werden – alles sehr schwierig und langwierig. Ich muss mir ernsthaft überlegen, ob ich das so noch einmal machen würde – vielleicht kennt ja noch jemand einen Trick :-). Das Ergebnis ist dennoch ganz nett geworden.

Die Brosche in der Deckelmitte passt zwar inhaltlich nicht zum Punzierten Mithras-Motiv aber irgendwie passt sie hier dennoch ganz gut rein. Die Fläche war mir an dieser Stelle einfach zu leer. 🙂

Mithras

Das Motiv auf der Taschenfront zeigt den Gott Mithras, wie er einen Stier tötet. Tauroktonie bedeutet wörtlich „Stiertötung“. Das Motiv entstammt einem alten römischen Mysterienkult, der seit dem 1. Jahrhundert nach Christus im ganzen römischen Reich vertreten war und insbesondere bei Soldaten (Legionären) sehr beliebt war. Wir wissen heute nur sehr wenig über diesen Kult, denn vieles ist in Vergessenheit geraten oder wurde aus religiösen Gründen gar absichtlich zerstört. Die Kirchenväter fühlten sich und ihr Kirchenprojekt teilweise durch den Mithraskult bedroht und versuchten vieles, um diesen Kult zu diskreditieren oder lächerlich zu machen. Letztendlich haben sie aber auch viele Elemente übernommen, um auch den Heiden die Botschaft Christi bringen zu können. Der Mithraismus selbst hatte seine Blütezeit etwa zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert und ist mit der Durchsetzung des Christentums im Römischen Reich als Staatsreligion in Vergessenheit geraten und wurde erst durch die Archäologie der modernen Zeit wiederentdeckt.

Das abgebildete Motiv der Tauroktonie ist der Mittelpunkt eines jeden Mithräums – dem Mithrastempel. Eine schöne Skulptur findet sich hier.

Auch in Deutschland und ganz allgemein innerhalb der Grenzen des damaligen Römischen Reiches finden sich solche – meist unterirdische – Tempel, die einem langen Gang oder einer Grotte ähneln, an dessen Ende sich das abgebildete Mithras-Motiv in der Mitte befand. Unter dem nachfolgenden Link findet sich ein Blick ins Innere des Mithräums von S. Maria Capua Vetere, in dem sich einige einzigartige Zeichnungen von den Kulthandlungen finden lassen.

Das meist tonnenförmige Gewölbe war mit einem Sternenhimmel (achtstrahlige Sterne) bedeckt und links und rechts befanden sich die Sitzflächen der Kultteilnehmer, die wohl auch im Liegen dort das Kultmahl eingenommen haben. Dieses Mahl bestand u.a. aus Hühnchen aber vor allem aus Brot und Wein. Das dürfte uns bekannt vorkommen.

Der Mithraskult ist weitgehend in Vergessenheit geraten, war in römischer Zeit aber derart populär, dass einige Religionswissenschaftler sogar meinen, dass die Welt heute zu Mithras statt zu Christus beten würde, wenn die Christianisierung aus irgend einem Grunde nicht so vorangeschritten wäre, wie es geschehen ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es zwischen Mithraskult und Christentum einige interessante Parallelen, wenn nicht gar Verwandtschaften gibt.

Mithraskult als Initiationsgemeinschaft und Mysterienkult

Mithraismus war ein Mysterienkult, ebenso wie das frühe Christentum. Nicht jeder bekam die „Wahrheit“ auf Anhieb mitgeteilt, wie wir es heute kennen. Vielmehr musste man innerlich und äußerlich darauf vorbereitet werden – ein wesentliches Merkmal esoterischer Gemeinschaften. Im Christentum leistete dies z.B. das Ritual der Taufe. Das Selbstverständnis einer solchen Maßnahme ist heute nicht mehr unbedingt nachvollziehbar. Wir gehen heute anders mit Wahrheit um als damals. Das Verständnis für esoterische Inhalte wird in einer rationalen Welt anders bewertet. Es fällt uns also schwer, uns in die damaligen Vorstellungen hineinzuversetzen.

Um schrittweise dem Verstehen und vielleicht auch dem Glauben zugeführt zu werden, bestand der Mithraskult folgerichtig aus sieben Erkenntnis- oder Weihestufen und entsprach vom Wesen her einer Initiationsgemeinschaft. Forscher sprechen daher gelegentlich etwas reißerisch von der Freimaurerei der Antike. In immer weiteren Einweihungen wurde der Myste so in die Geheimnisse des Kultes eingeweiht. Doch mit welchem Ziel? Vermutlich Erkenntnis, Erlösung, spirituelle Freiheit und Aussicht auf ein Leben nach dem Tod.

Die heute bekannten Erkenntnisstufen waren:

  1. Corax (Rabe)
  2. Nymphus (Bräutigam)
  3. Miles (Soldat)
  4. Leo (Löwe)
  5. Perses (Perser)
  6. Heliodromus (Sonnenläufer)
  7. Pater (Vater)

Die Farben Rot, Blau und vor allem Gold, die heute im Christentum selbstverständlich sind, waren die Farben des Mithras. Und wie es sich für einen ordentlichen Erlöser gehört, hatte auch er am 25. Dezember „Geburtstag“. Das Datum wurde nachweislich auch vom Christentum übernommen. Der Tag der Wintersonnenwende ist eben der optimale Tag für einen Sonnengott, denn hier beginnt der Sonnenlauf jedes Jahr von neuem.

Geburtslegende des Mithras und Symbolik

Es gibt mehrere Geburtslegenden des Mithras. In einer davon entsprang er bei seiner Geburt einem Stein, dem Petra Genetrix (Mutterfelsen): „Dem unbesiegten Sonnengott, dem Schöpfergott, aus dem Fels geboren“ (s. Manfred Clauss, Mithras – Kult und Mysterium, Seite 65).  Der Legende nach geschah dies in einer Höhle. Daher sind Mithräen auch immer unterirdisch angelegt oder in Höhlen zu finden. Das Heilige findet stets verborgen vor neugierigen Blicken statt, sonst wird es profaniert.

In einigen gnostischen Evangelien steht, dass auch Jesus in einer Höhle geboren wurde und nicht in einem Stall oder einem Haus (Jakobusevangelium und Protevangelium des Jakobus, ca. 150 n. Chr.). Die Verwebungen zwischen Christentum und Mithraismus sind so zahlreich, dass ich sie hier gar nicht alle nennen kann. Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist das sehr interessant, denn die Versuche die Zusammenhänge zu leugnen, zu relativieren oder mit dem Teufel zu erklären sind selbst heute noch gelegentlich spürbar.

Bei seiner Geburt trägt Mithras bereits seine wichtigsten Insignien: Die phrygische Mütze (die Form kennt fast jeder: die Schlümpfe tragen sie), die Fackel, mit der er das Licht bringt (er ist der Schöpfer des Lichts und als Sonnengott selbst das Licht) und mit seinem Messer schafft er Leben, in dem er z.B. den Stier tötet.

Aus unserer heutigen Sicht ist das mit dem Opfern um zu erschaffen nicht mehr so ganz nachzuvollziehen aber insbesondere aus astrologischer Sicht, hat die Symbolik eine gewisse Logik. Es gibt Versuche, das Motiv der Tauroktonie mit Hilfe von Sternbildern zu rekonstruieren. Dabei kommt dem Sternbild des Perseus eine gewisse Bedeutung zu. Auch eine Nähe zum Dionysos-Kult wird diskutiert.

Da Sternbilder periodisch wiederkehren und Mithras so in jedem Jahr den Stier erneut erlegt, wäre das eine mögliche Interpretation der Symbolik. Genaues ist aber leider vollkommen unklar und auch das Sternenmodell selbst ist umstritten. Also bleibt jeder Zusammengang nur Spekulation.

Im Wesentlichen gibt es drei Modelle, die heute zu einer Deutung herangezogen werden:

  • Die traditionelle Deutung von Franz Cumont umfasst im Wesentlichen eine mythologische Erklärung, wie mit der Opferung des Stiers die Welt erneuert wird. Cumont führt Entstehung und Namen auf den persischen Mithra-Kult zurück. Das ist heute jedoch umstritten.
  • Die geisteswissenschaftliche Deutung ordnet dem Symbolischen das Triebhafte im Menschen zu und steht exemplarisch für den ewigen Kampf mit der Finsternis also dem selbst mit dem Selbst. Zur Beschreibung dieser religiös aufgeladenen aber auch psychologisch zu verstehenden Aspekte werden die Mithrassymbole verwendet.
  • Schließlich die astronomische Deutung, in der auch den zahlreichen Nebenfiguren im Motiv der Tauroktonie, wie Cautes und Cautopates, die beiden Fackelträger (meist zusätzlich links und rechts des Motives angebracht), der Hund, der am hervorquellenden Blut leckt oder der Skorpion, der in die Hoden des Stieres kneift, als Sternenbilder betrachtet werden. Dieses Modell scheint einige gute Erklärungen zu liefern, dennoch ist es stark unvollkommen und basiert wohl mehrheitlich auf Wunschdenken, denn auf Fakten.

Am Ende können wir heute über die genaue Bedeutung der Mithrassymbolik nur spekulieren. Wir wissen zu wenig, um mit Bestimmtheit Aussagen treffen zu können. Es gibt kein begleitendes Schriftwerk, in dem wir etwas nachlesen können. Allenfalls lassen sich Vergleiche ziehen.

Es scheint teilweise auch starke Abweichungen zu geben, in denen die uns heute vertraute Symbolik speziell im Mithraskult anders verwendet wurde. So gab es z.B. auch hier ein Wasserwunder, mit dem wir heute eher christliche Wunder oder die Taufe verbinden. Die Inhalte bleiben im Reich der Spekulation und gerade das war für mich ein interessanter Ausblick in die Welt des Mithras.

Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Überblick zum Thema geben und vielleicht hat der ein oder andere ja Lust bekommen, sich mit der Sache noch einmal genauer zu befassen. Inhaltlich war das Thema für mich so aufgeladen, dass mein Lederprojekt fast nebensächlich wurde. Aber so konnte ich viel Lernen und gleichzeitig etwas Neues schaffen. Mithras würde es wohl gefallen und er möge mir verziehen, dass ich hier kaum Quellenangaben gemacht habe. 😉

Herzliche Grüße
Steven

 

 

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